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Michael Vogt (Hrsg.): "Dichterin der Kinderseele". Josefa Metz Lesebuch. Bielefeld: Aisthesis 2004(= Veröffentlichungen der Literaturkommission für Westfalen 12). 171 S. und CD "Die Kinder und ich". Gedichte und Geschichten von Josefa Metz (1871-1943) gelesen von Jutta Neumann. Bielefeld: Aisthesis 2004.

Nur selten entsprechen die Quellennachweise in Kinderlyrikanthologien den Standards philologischer Zuverlässigkeit. Da werden Fehler von einer Textsammlung zur andern weitergeschleppt oder Gesamtausgaben zitiert, die eine genaue Datierung von Entstehung oder Erstveröffentlichung unmöglich machen. Kinderlyrik wird weitgehend in Lesebüchern für die Grundschule tradiert, und hier sieht es eher noch trüber aus. Eines der beliebtesten und immer wieder abgedruckten Gedichte war "Großzügig" von Josefa Metz, das aus So viele Tage wie das Jahr hat (1959) von James Krüss übernommen wurde, Jahrzehnte lang das unausschöpfliche Reservoire für die Lesebuchmacher. Im Quellenverzeichnis dieser Anthologie wird lediglich mitgeteilt: "Lebte in Bielefeld".
Die Forschung lebt manchmal von Zufallsfunden, z.B. beim Blättern in dem großformatigen, sehr schön illustrierten Band Die Woche für die deutsche Jugend (1906). Die Zeitschrift "Woche" erhält auf die Ausschreibung eines öffentlichen Wettbewerbs 14.000 Texte, Lieder (mit Noten), Erzählungen, Gedichte und Spielszenen; die hochkarätig besetzte Jury (u.a. Otto Ernst, Lichtwark, Viktor Blüthgen und Heinrich Seidel) wählt ein Gedicht mit dem Titel "Schicksal" aus, in dem ein Junge eine Trompete geschenkt bekommt und mit seinem Blasen alle zur Verzweiflung bringt. Pointe: "O Weihnachtsmann, du schlimmer,/ Was hast Du sie erst gebracht?" Der Autor ist Victor Klemperer!
Ein Klick im Internet führte auf die Arbeit von Michael Vogt, der im Wesentlichen Gedichte und Prosa aus ihrem zwischen 1903 und 1937 erschienenen Werk für Kinder und Erwachsene wieder zugänglich macht. Aus einem knappen bio-bibliographischen Überblick und dem Nachwort geht hervor, dass Josefa Metz 1871 in Minden geboren wurde, später in Bielefeld, Berlin, wo sie Stefan Zweig begegnete, München und Wien als freie Schriftstellerin lebte, 1935 als Jüdin aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurde und 1943 im Lager Theresienstadt umgekommen ist. Fast 40 Jahre lang leben, für das öffentliche literarische Leben verborgen, in Lesebüchern versteckt zwei Gedichte (bei Krüss außerdem "Wett-Schlafen") einer unbekannten Frau, deren Romane und Erzählungen, Kindertheaterstücke und Gedichte nicht dem Vergessen anheim gefallen sind, sondern systematisch vernichtet wurden. Sowohl in ihrem Erstling Gedichte (1903) wie in Neue Gedichte (1912), in dem sich "Großzügig" unter dem Titel "Kulant" findet, mischt Metz Erwachsenen- und Kindergedichte, bevor sie 1922 Kindergedichte veröffentlicht, in denen sich "Wett-Schlafen" findet. Ergänzend zu den Nachweisen von Michael Vogt wird man die präzisen Titelauflistungen der Bände im noch nicht erschienenen Artikel über Josefa Metz im Lexikon deutsch-jüdischer Autoren finden können, der mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde. Vergleicht man die Gedichte bei Krüss mit den Originalen im "Lesebuch", dann stößt man auf teils deutliche Abweichungen. Hat er selbst die Vorlagen geändert? Hatte er eine andere Quelle? Jedenfalls würde niemand derart in ein Gedicht für Erwachsene eingreifen – es genügt eben die "kleine" Philologie.
Josefa Metz hat im übrigen auch eine Anthologie für Kinder zusammengestellt: Von Hans Sachs bis Wilhelm Busch. Ein lustiges Versbuch für Kinder (1924), das nur an Mitglieder des Volksverbandes der Bücherfreunde abgegeben wurde und so jene Verbreitung fand wie die Anthologie von Krüss durch Bertelsmann Lesering.

Heinz-Jürgen Kliewer

Abdruck in: Kinder- und Jugendliteraturforschung 2009/2010

 

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