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Anthologien

 

Für die Verbreitung von Lyrik sind Anthologien und Jahrbücher von zentraler Bedeutung, egal ob die Gedichte für Erwachsene oder für Kinder geschrieben wurden. Man kann sich den enormen Einfluss der Anthologien über mehrere Jahrzehnte hin vergegenwärtigen, wenn man z. B. Des Mägdleins Dichterwald nimmt, das im Untertitel eine "stufenmäßig geordnete Auswahl deutscher Gedichte für Mädchen" anbietet, herausgegeben von dem Lehrer Theodor Colshorn. Beginnend 1852 hat dieses Schulbuch bis zur 10. Auflage 1897 ein halbes Jahrhundert das Bild der Lyrik bestimmt. Ähnlich erfolgreich war Die Ernte aus acht Jahrhunderten deutscher Lyrik, erstmals herausgegeben 1906 von Will Vesper, dem bekannten Politbarden der NS-Zeit, noch 1958 im 460. Tausend erschienen. Im Internet-Antiquariat ZVAB wird der Band 150 mal angeboten. Bekannter ist sicher der klassische Longseller Echtermeyer/ Wiese, der seit 1836 das wichtigste Kompendium für die Gymnasien war. 1954 begann mit der Bearbeitung durch Benno von Wiese der zweite Frühling, 1990 mit E.K.Paefgen ein dritter und 2010 erschien die 20. Auflage Auch Der ewige Brunnen von Ludwig Reiners hat als "Ein Volksbuch deutscher Dichtung" von 1955 bis zur aktualisierten Jubiläumsausgabe von 2005 eine gigantische Auflage erlebt.

 

Keine Anthologie mit Kindergedichten hat ähnliche Verbreitung gefunden. Am bekanntesten ist immer noch die erste Sammlung der Nachkriegszeit von James Krüss. 1959 erschien So viel Tage wie das Jahr hat, in verschiedenen Ausstattungen, aber mit gleichem Textbestand ist der Titel bis heute auf dem Markt. Immer waren Anthologien das Hauptreservoir für die Schullesebücher, selbst Anthologien mit speziellen Aufgaben. Eine wichtige Rolle hat dabei sicher eine heute vergessene Sammlung gespielt, die zwischen 1922 und 1979 in 15 ständig veränderten Auflagen erschien: Sonniges Jugendland von Paul Faulbaum. Die letzte Auflage wurde von Eberhard Ockel neubearbeitet und ergänzt. Solche Anthologien für den Schulgebrauch, bis in die 90er Jahre noch von fast allen großen Schulbuchverlegern im Programm, scheinen heute völlig verschwunden zu sein.

 

Von zentraler Bedeutung sind Anthologien auch noch in anderer Hinsicht: Für Autoren sind die Textsammlungen die erste und häufig einzige Möglichkeit, ihre Gedichte zu drucken. Nur wenigen glückt es, einen eigenen Band (oder eher ein Bändchen) zu veröffentlichen. Liegt es auch an der geringen Größe des Marktsegments, dass eine Anthologie von der anderen abschreibt? Nicht die Neugier auf neue Texte motiviert offenbar die Leser, immer wieder eine weitere Anthologie zu erwerben. Jedes Jahr erscheint mindestens eine neue Sammlung mit Kindergedichten, aber sie gelangen nicht zu den Kindern, sondern werden vermutlich wegen ihrer Illustrationen von Sammlern gekauft. Für die Annahme, dass Erwachsene die Zielgruppe bilden, spricht noch ein weiterer Verdacht. Gedichte gelten zu Recht als schwierige Texte; die Anthologisten gehen (aus Mangel an guten Kindergedichten?) auf die Suche in der Erwachsenenlyrik und werden fündig bei "leichten", für Kinder vielleicht, für Erwachsene mit Sicherheit verständlichen Texten. Dieser Vorgang ist nicht neu; Kinder (oder genauer die Vermittler) haben schon immer Gedichte aus dem Erwachsenenrepertoire für sich erobert. Sind die Gründe die gleichen geblieben?

 

Was Margarethe Dierks 1975 im Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur zum Stichwort "Anthologie" schrieb, gilt noch heute: "Eine umfassende Geschichte der A. im Bereich der KJL ist noch nicht geschrieben." Hilfreich ist immer noch G. Sichelschmidt: Die deutschen Kinderliedanthologien in: J.Bark und D.Pforte (Hrsg.): Die deutschsprachige Anthologie, 1969. Bd.2. 222 – 245. (Vgl. Schublade Artikel)

 

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